Gefährdungs­beurteilungen erstellen

Gefährdungs­beurteilungen systematisch Schritt für Schritt erstellen

Gefährdungs­beurteilungen in 7 Schritten, Sicherheitsingenieur Pollok erklärt.

Für das Durchführen einer Gefährdungsbeurteilung gibt es kein fest vorgeschriebenes Schema. In welcher Art und Weise Sie das Prozedere bewältigen, ist Ihnen freigestellt. Entscheidend ist, dass Sie konsequent und systematisch vorgehen. Bewährt hat sich das hier vorgestellte Vorgehen in 7 Schritten.

Gefährdungsbeurteilungen sind immer spezifisch zu betrachten. Es gibt nicht die eine Gefährdungsbeurteilung eines Betriebs, sondern es gibt Gefährdungsbeurteilungen:

1. des Arbeitsplatzes, z. B. Küche, Werkbank, Leitwarte
2.  des Arbeitsmittels, z. B. Förderband oder Hochdruckreiniger
3. einer Tätigkeit / Arbeitsablauf / Verfahren, z. B. Entgraten, Transpor
tieren, Reinigen, Wartung
4. die sich auf Mitarbeiter oder Personengruppen beziehen, z. B. Aus
zubildende oder Staplerfahrer
5. die sich auf Arbeitsbereiche beziehen, z. B. des Lagers, der Werk- 
statt, des Batterieladeraums
6. die anlassbezogen durchgeführt werden, z. B. bei neuer Maschine, 
nach einem Unfall oder bei Meldung einer Schwangerschaft

 

Angesichts dieser vielen Einzelbetrachtungen ist es ratsam, beim Beurteilen von Gefährdungen Schritt für Schritt und systematisch vorzugehen.

Folgende 7 Schritte haben sich in der betrieblichen Praxis bewährt:

1. Erfassen Sie Ihre Betriebsstruktur

Strukturieren Sie Ihr Unternehmen in überschaubare Bereiche. Nehmen Sie eine grobe Einteilung vor, z. B. nach Arbeitsbereichen, Tätigkeiten oder Personengruppen. Danach zerlegen Sie Tätigkeiten und Arbeitsabläufe in einzelne Teilprozesse. Sie untergliedern auf diese Weise bis zu einzelnen Arbeitsplätzen und Tätigkeiten und listen jeweils die dortigen Tätigkeiten, Maschinen, Werkzeuge und verwendeten Substanzen auf. 
Wenn Sie auf diese Weise Ihr Unternehmen vollständig abbilden, erkennen Sie Organisationseinheiten, für die Sie die je gemeinsamen Gefährdungen auch gemeinsam beurteilen können. Denn nicht immer ist eine Gefährdungsbeurteilung für jeden einzelnen Arbeitsplatz separat notwendig, ein repräsentativer Arbeitsplatz genügt. Laut dem ArbSchG dürfen „bei gleichartiger Gefährdungssituation“ die Unterlagen zusammengefasst dokumentiert werden. Zum Beispiel können Sie für gleichartige Maschinen sogenannte Arbeitsmittelgruppen bilden, für die Sie die Gefährdungen gemeinsam erfassen. Auch wären Aspekte wie Raumtemperatur, Brandschutz, Fluchtwege etc. für ein Verwaltungsgebäude wie z.B. der Bauring Verwaltung GmbH oder die neu gebaute Halle der Bauring Hochbau GmbH zu beurteilen und müssten dann nicht mehr an jedem einzelnen Arbeitsplatz aufgegriffen werden.

2. Ermitteln Sie für jeden Arbeitsschritt die jeweils vorhandenen

Gefährdungen und Belastungen

Ausgehend von der Einteilung in Schritt 1 erfassen Sie vor Ort und bezogen auf den Arbeitsplatz oder die Tätigkeit sämtliche Gefährdungen und Gesundheitsbelastungen. Es kann in einem Unternehmen Hunderte einzelner Gefährdungen geben. Um ein strukturiertes Vorgehen zu ermöglichen, fasst man die Gefährdungen in etwa einem Dutzend Grundtypen zusammen (s. Liste auf Seite 6). 
Beziehen Sie stets auch die Arbeitsumgebung und die Umgebungsfaktoren mit ein. Das können Gefährdungen durch benachbarte Arbeitsplätze sein, durch einen Wetterwechsel oder durch den Einsatz von Fremdfirmen. Auch die Gefährdung Dritter ist zu beurteilen, das kön- nen Kunden oder Passanten sein.
Beachten Sie, dass es in diesem Schritt um ein wertungsfreies Erfassen aller vorhandenen Gefährdungs- und Belastungsfaktoren geht. Analysieren Sie hier noch keine Risiken oder die Wahrscheinlichkeit einer Gesundheitsschädigung. Zunächst ist jeder fahrende Stapler, jeder Staub, jede schwere Last, jeder laute Motor usw. als Gefährdungsfaktor zu sehen und unabhängig davon, ob schon mal etwas „passiert ist“ oder ob Mitarbeiter über gesundheitliche Beschwerden klagen.

3. Beurteilen Sie Gefährdungen und Risiken

Dieser Schritt ist das zentrale Element der Gefährdungsbeurteilung. Aus der Wahrscheinlichkeit und dem Ausmaß (Schadensschwere) jeder zuvor erkannten Gefährdung schätzen Sie die jeweiligen Risiken ein (s. Abbildung). Auf diese Weise erkennen Sie, wann und wo ein Schutz notwendig wird.

Gefährdungsbeurteilung abschätzen mit Risikomodellen, hier die Grafik der risikobewertung nach Nohl

Risikomodell nach Nohl

Solche Risikomodelle gibt es in unterschiedlichen Varianten. Für das Abschätzen der Eintrittswahrscheinlichkeit und der Schadensschwere werden jeweils meist 3, 4 oder auch 5 Kategorien gebildet.

Wie genau Sie hier skalieren, entscheiden Sie selbst. Gemeinsam ist den meisten Modellen das

Verwenden der Ampelfarben:

Rot (hohes Risiko) steht für eine nicht mehr tolerierbare Gefährdung oder eine akute gesundheitliche Beeinträchtigung. Es besteht akuter Handlungsbedarf, Sie müssen dringend Maßnahmen zum Reduzieren der Gefährdung veranlassen. Das kann das sofortige Anordnen z.B. eines Tragegebots für eine PSA-Komponente sein, aber auch das Einstellen der Arbeiten oder das Abschalten einer Maschine, wenn durch Sofortmaßnahmen die Unfall- oder Gesundheitsgefahr nicht anders vermindert werden kann.

Gelb (mittleres Risiko) steht für eine mögliche gesundheitliche Beeinträchtigung. Diese kann im Konflikt mit anderen Unternehmenszielen stehen. Dies darf Sie aber nicht davon abhalten, Maßnahmen festzulegen.

Grün (niedriges Risiko) steht für eine als akzeptabel erachtete gesundheitliche Beeinträchtigung oder ein hinnehmbares Restrisiko für Unfälle.
An keinem Arbeitsplatz können Sie sämtliche Gefährdungen komplett ausschalten. Wenn Sie Messer, Maschinen mit sich bewegenden Teilen, Staplernutzung oder Alleinarbeit verbieten, stünde der Betrieb still. Wenn Sie sämtliche zumutbaren Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben, Betriebsanweisungen erstellt, Mitarbeiter unterwiesen usw. und Ihre Unfallzahlen und Ausfalltage zeigen, dass diese Maßnahmen greifen, gilt die Risikostufe Grün. Weitere Maßnahmen sind momentan nicht notwendig.

Gefährdungsbewertung gemäß der Ampelfarben

Für das Beurteilen einer Gefährdung gibt es keine festgelegten Formalien. Verschaffen Sie sich ein umfassendes Bild, indem Sie:

  • betroffene Mitarbeiter an deren Arbeitsplätzen beobachten und ansprechen, ihre Einschätzung und konkreten Erfahrungen erfragen.
  • vorhandene Unfallberichte und das Verbandbuch auswerten, Ersthelfer kontaktieren.
  • Sicherheitsdatenblätter (z. B. zu Purschaum) und (bereits vorhandene) Betriebsanweisungen zurate ziehen.
  • Bei Maschinen die Herstellerangaben (Betriebsanleitungen, Warn
hinweise) beachten.
  • Die Vorgaben und ggf. Grenzwerte aus Gesetzen, Verordnungen, den 
technischen und den BG-Regelwerken berücksichtigen, z. B. zur Staubbelästigung oder zum Lärmpegel.
  • Kompetente Akteure hinzuziehen und einbinden (Betriebsarzt, Sicherheitsingenieur, Poliere, geschulte Brandschutzbeauftragte usw.).

4. Legen Sie Schutzziele und Maßnahmen gemäß dem (S)TOP-Prinzip fest

Beim Auswählen von Schutzmaßnahmen müssen Sie stets die folgende Reihenfolge beachten: Substitution vor technischen vor organisatorischen vor personenbezogenen Maßnahmen.

Merkhilfe ist das Wort „STOP“ ; wie bereits angefertigter Gefährdungsbeurteilung bei der Verwaltung bzw. den Dachdeckern und dem Maurer.
  • Substitution bedeutet, dass Sie Gefahrenquellen beseitigen, indem Sie z. B. eine gefährliche Substanz oder ein riskantes Verfahren durch eine weniger gefährliche Alternative ersetzen.
  • Zu technischen Schutzmaßnahmen zählen z. B. Schutzgitter vor heißen Oberflächen oder Absauganlagen bei starker Staubemission.
  • Über organisatorische Schutzmaßnahmen regeln Sie betriebliche Abläufe so, dass Gefährdungen minimiert werden, z. B. über Betriebsanweisungen oder Zutrittsverbote.
  • Persönliche Schutzmaßnahmen sind im Wesentlichen persönliche Schutzausrüstungen, dazu kommt die individuelle Vorsorge durch z. B. Hautpflege. Last, not least zählen dazu auch die verhaltensbezogenen Schutzmaßnahmen wie Unterweisungen, Einweisungen an neue Maschinen (z.B. durch den Polier) usw.

Gut zu wissen: In vielen Fällen können Sie sich beim Festlegen von Schutzmaßnahmen nach den Empfehlungen im Technischen Regelwerk richten. Wenn Sie diese einhalten, können Sie davon ausgehen, dass Sie die Anforderungen der dahinterstehenden Verordnung erfüllen (Vermutungswirkung). Damit schaffen Sie sich selbst ein hohes Maß an Rechtssicherheit.

5. Führen Sie die festgelegten Maßnahmen durch

Das Beurteilen von Gefährdungen, Ermitteln von Risiken und Ableiten von Maßnahmen schaffen allein noch keinen Schutz. Nun müssen Ihre Maßnahmen wirksam umgesetzt werden, indem Sie die folgenden Punkte organisieren:

  • Zuständigkeit: geeignete Personen mit der Umsetzung einer Maßnahme beauftragen
  • Zeitpunkt: Fristen und Termine für die Umsetzung der Maßnahme festlegen
  • Kontrolle: Termin für die Kontrolle der Umsetzung / Wirksamkeit festlegen
  • Kommunikation: Mitarbeiter zu Gefährdungen und Schutzmaßnahmen unterweisen, Betriebsanweisungen erstellen, Kennzeichnungen anbringen usw.

6. Überprüfen Sie die Wirksamkeit der Maßnahmen

Mit Schritt 5 haben Sie die Hauptarbeit erledigt, aber Ihre Gefährdungsbeurteilung ist keineswegs abgeschlossen. Entscheidend für den Erfolg Ihrer betrieblichen Präventionsarbeit ist, dass Sie die festgestellten Risiken auch tatsächlich vermindern und Ihre Schutzziele erreichen.

Dies kann scheitern, wenn zum Beispiel:
  • technische Maßnahmen nicht greifen, sich z. B. eine Absaugung als unzureichend herausstellt.
  • Mitarbeiter festgelegte Maßnahmen missachten, z. B. ein Rauchverbot oder PSA-Tragegebot/ Helmpflicht auf Baustellen) ignorieren.
  • vorhandene Schutzeinrichtungen manipuliert werden, z. B. Lichtschranken zum Eingriffsschutz überbrückt werden bzw. FI Schutzleitungen/ Kabel nicht verwenden
Das bedeutet, dass Sie das Wirksamwerden Ihrer Schutzmaßnahmen in der Praxis überprüfen müssen, z. B. durch Begehungen durch den Sicherheitsingenieur, das Auswerten der Unfallberichte, regelmäßige ASA- Sitzungen (Arbeitsschutz Ausschuss- Sitzungen) usw. Stellen Sie fest, dass eine Maßnahme wirkungslos bleibt oder die Wirkung nicht zufriedenstellend ist, sollten Sie Ihre Schutzmaßnahmen überdenken.

7. Gefährdungsbeurteilung als „Never Ending Story“

Jede Gefährdungsbeurteilung muss regelmäßig (ca. 2 Jahre) geprüft und aktualisiert werden. Es gibt zwar keine festgelegten „Wiederholungsfristen“, aber spätestens bei den folgenden Anlässen wird ein Check notwendig:

  • Änderungen von Vorschriften oder dem Stand der Technik
  • Beschaffung neuer Arbeitsmittel, Maschinen oder Anlagen
  • Einführung neuer Arbeitsverfahren und/oder Arbeitsstoffe
  • Änderungen im Vorschriftenwerk oder beim Stand der Technik
  • neue Mitarbeiter
  • Unfälle, Beinahe-Unfälle, Störfälle, Sachschäden
  • Berufskrankheiten und andere Erkrankungen

FAZIT: Gefährdungsbeurteilungen sind keine einmaligen Prozesse, sondern als kontinuierlicher Prozess steter Verbesserung des betrieblichen Arbeitsschutzes zu verstehen. Mit einer mindestens 2 x jährlichen Wirksamkeitskontrolle kommen Sie diesem Ziel näher und senken auch Ihre Kosten, die z.B. nach Arbeitsunfällen, durch Arbeitsausfälle entstehen werden.


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